Carla, Hildegard und Elke

Raureif im August – oder – 210 Jahre auf dem Yukon


von Carla Frenzel

Irgendwann hatten wir mal so im Vorbeigehen gesagt: „Wenn wir 70 sind, dann machen wir eine Frauentour auf dem Yukon!“ Nun waren wir es, fast.

 

Yukon-SchildWir sind:

  • Hildegard Ketzenberg-Brütt, schon lange im WSB,
  • Elke Ellwanger, Mitglied im WSB Wiking Kirchweyhe und
  • Carla Frenzel, in Bederkesa geboren und mit Kanalwasser getauft.

Alle drei begeisterte Wanderpaddlerinnen (und –seglerin), am Wasser groß – und allmählich alt geworden. Wen wundert es, dass wir dieser Leidenschaft noch immer frönen.

Elke und ich kennen und paddeln schon seit 30 Jahren zusammen, erst mit der Familie, dann nur noch mit Elke und Mann.

So waren wir schon einmal gemeinsam auf dem Yukon; allerdings waren noch Helga und Winna aus Hannover dabei. „Yukonpaddeln ist wir ein Virus. Hin und wieder bricht er aus“ sagte Elke. Für sie würde es nun das sechste Mal sein, für mich das dritte Mal und für Hildegard das erste Mal. Wir hatten Hildegard ganz begeistert von unseren Yukonerlebnissen erzählt, von der einmaligen Natur, der großartigen Einsamkeit der Wildnis, von Bären und Elchen, von Sandstränden und Kiesbänken, von sternklaren Nächten und hörbarer Stille.

Also alles kein Problem. So dachten wir, planten mit Hilfe des Internets( dabei durfte uns Jürgen, Elkes Mann, helfen), buchten den Flug, meldeten unsere Faltboote aus Sportgepäck an und verstauten Zelt, Thermarest und was Frau sonst noch so braucht in ein weiteres riesiges Gepäckstück und Condor sollte uns Mitte Juli nach Whitehorse am Yukon fliegen.

Damit begann unser Abenteuer. Das Bodenpersonal der Fluggesellschaft streikte. Nach vielem telefonischen Hin und Her hieß es „Die Flüge gehen wie geplant“. Heinrich brachte Hildegard und mich nach Bremen zum Flughafen, viel zu früh und siehe da, ausgerechnet unser Flug nach Frankfurt war gecancelt! „Macht nichts“ sagten wir am Lufthansaschalter, „fliegen wir mit dem, der jetzt in 20 min nach Frankfurt startet. Allerdings nicht ohne Elke!“ Wieder Telefonate hin und her, inzwischen hatte sich eine Angestellte des Reisebüros, bei dem wir gebucht hatten, eingeschaltet und half beim Einchecken. Im Flieger hörten wir dann die Durchsage des Piloten, man möge den verspäteten Start entschuldigen, aber wir warteten noch auf einen Passagier, der unbedingt in Frankfurt den Anschlussflug nach Kanada haben müsste. Nun wussten wir, Elke kommt. Sie kam mit dem großen Bus vorgefahren, ihr Gepäck wurde verladen und mit knapp einer halben Stunde Verspätung starteten wir durch.

So etwas ist wohl trotz Streik auf einem kleinen Flughafen möglich. Mann hatte Elke und Jürgen vom Frühstück weggeholt, weil man ihnen vorher mitgeteilt hatte, dass Elke mit dem Zug nach Hamburg fahren sollte und von dort aus fliegen könne. Unser Streik, nicht ohne sie zu fliegen, brachte also wieder die Logistik durcheinander, denn uns hatte man die Änderung nicht mitgeteilt. Wir hatten uns ein zweites Frühstück in Frankfurt wohlverdient. Der Direktflug nach Whitehorse verlief problemlos, wenn wir von der schlechten Bordverpflegung absehen, das Bodenpersonal streikte schließlich. (Es wurde allerdings nur ein tag gestreikt, und ausgerechnet den hatten wir erwischt!)

Der Taxifahrer in Whitehorse, der uns mit unserem Gepäck vom Airport zum Hotel brachte, konnte sich nicht beruhigen als er von unserem Vorhaben erführ und sagte immer wieder kopfschüttelnd: „My goodness, crazy old ladies!“

Vom Hotel aus – es lag direkt am Yukon – telefonierten wir mit Kathi in Dawson City, dem Ziel unserer Paddeltour, und sie kam mal eben 630 km abgefahren, um uns bei unserer Planung vor Ort zu helfen. Sie ist eine pensionierte Lehrerin. Wir kannten sie von unseren früheren Touren. Sie blieb drei Tage da, kaufte einen langen Einkaufzettel ab, den ihr Freunde mitgegeben hatten, fuhr nur mal eben mit uns nach Skagway, USA, weil wir unbedingt auf den Spuren der Goldgräber mit der Skagwayeisenbahn durch die Rockies fahren wollten, und zeigte uns so ganz nebenbei und selbstverständlich die großartige Wildnis Kanadas neben der Hauptstraße und den Touristenattraktionen.

Tagebucheintrag: „Gestern mit er Skagwaybahn gefahren. Es war überwältigend. Schon die Autofahrt, vorbei an Seen, durch Felsenlandschaft, an Sanddünen, die man hier am allerwenigsten vermutet, dazu die schmalen, hoch aufragenden kanadischen Fichten, der wolkenreiche Himmel, Elkes und Kathis unaufhörliches Erzählen und dann der gigantische Ausblick auf den Fjord, in dem riesige Kreuzfahrtschiffe lagen…“.

Bei der Bahnfahrt streikte dann leider das Wetter. Wir fuhren durch dichten Nebel, und Nieselregen verdarb uns die Aussicht. Wir mussten zum Glück nicht mit 150kg Gepäck über den Pass, wie die Goldsucher vor 200 Jahren.

Am nächsten Tag verabschiedetet sich Kathi mit dem Versprechen uns in Dawson zu erwarten. Nun lagen 4 Wochen und fast 800 Flusskilometer unendlicher Freiheit in der Wildnis vor uns.

In der Hotelgarage bauten wir unsere Boote auf. Ein gutes altes DDR Puch und zwei alte Klepper T9, einen der T9 hatte uns Bernhard Rau, Segler und Paddler im WSB ausgeliehen. Ganz nebenbei erfuhr ich, welche abenteuerlichen Paddeltouren er schon damit erlebt hatte. Mit so einem erfahrenen Boot konnte uns auf dem Yukon ja nichts’ s passieren. (Leicht ramponiert bekam er es wieder. Uns verhalf es zu einem wunderbaren Urlaub. Danke Bernhard.) Die Boote wurden gepackt. Das Essen geruchssicher verpackt und das viel zu viel eingepackte Zeug und was sonst nicht mehr ins boot passte in der Asservatenkammer des Hotels zurück gelassen, überließen wir uns der flotten Strömung des Yukons ab Whitehorse.

Für mich war diese erste Etappe neu. Sonst waren wir am Nisutlin oder Tesslin gestartet. Nun erwartete mich der unberechenbare Lake Laberge; aber erst in drei Tagen. So lange paddelten wir auf dem hier noch recht schmalen Yukon, der sich munter strömend und strudelnd unter uns dahinbewegte. Zeltplätze gab es genug in den Wäldern, auf den Inseln und in den Buchten des Sees. Ein leichter Wind vertrieb die Mücken, trockenes Holz gab es überall für eine Feuerstelle zum Essenkochen und die Sonne blieb uns treu. Noch am Lake Laberge wehten wir ein, nicht stark, aber auf unserer Bucht stand der Wind. Er hatte sich überraschend gedreht und ließ aus den harmlosen Wellen eine Brandung werden, durch die wir nicht starten konnten. Der Zeltplatz war schön. Ein Tag Ruhe konnte auch nicht schaden und vertrieben wir uns die Zeit mit Lesen, Uno spielen und Wanderungen in die Umgebung. Manchmal laut singend, denn hier gab es Bären. Wir hatten noch nicht ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, aber ihre Spuren gesehen.

Am nächsten Tag war der Himmel bewölkt, der Wind und die Wellen hatten nachgelassen und einer Weiterfahrt stand nichts im Wege. Abends wieder einen traumhaften Zeltplatz am Berghang. Kriechender Wacholder unter dem Zeltboden ließ uns weich schlafen und sein Duft war Wellness pur.

Weiter ging es nun über den enger werdenden See, die Berge rückten näher zusammen und der Himmel wurde immer grauer. Abends kam dann die Sonne durch und wir konnten im Trockenen aufbauen.

Diesmal waren wir zu Gast in einer alten Poststation am Ende des Sees. Wir stromerten durch die Siedlung und hielten Zwiesprache mit denen, die dieses Dorf einmal gründeten. Nun lebten wohl während der Jagdsaison Jäger in den halbverfallenen Häusern, den Hinterlassenschaften nach zu urteilen.

Aufgrund des inzwischen boomenden Kanutourismus hatte man hier ein neues Camp angelegt, mit übersachten Sitzplätzen und Plumpsklo im Wald. Dort gab es doch tatsächlich richtiges Klopapier! Für den überdachten Sitzplatz waren wir am nächsten Tag sehr dankbar, denn es regnete. Für das Klo eigentlich auch – immer in der Hocke ist manchmal ziemlich mühsam – aber eine Kiesbank und ein Spaten ohne Zivilisation sind uns hier lieber.

Die Sonne kam heraus und wärmte uns, ein leichter Wind vertreib die Wolken und weiter ging es. Der Yukon schlängelte sich nun wieder mit flotter Strömung und recht quirligen Strudeln durch ein enges Tal. Elke suchte nach einem früheren Rastplatz, entdeckte ihn aber nicht. Irgendwie war der Wasserstand verändert. Wir kamen mit einem ziemlichen Tempo voran und befanden uns plötzlich in Hotalingua einer früheren Indianersiedlung und nun ein Campground für Kanuten an der Mündung des Tesslins, der hier breit fließend in den Yukon strömt. Er brachte braunes Wasser statt des bekannten grünen Wassers mit. Dies machte uns wieder stutzig, aber wir konnten gut anlanden und beschlossen hier zu bleiben, eine Bergwanderung zu machen und den wunderbaren Ausblick auf die beiden Flüsse zu haben. Frisches Wasser gab es außerdem im nahen Creek und weit und breit keine Paddler, die uns in unserer Ruhe störten.

Es dauerte nicht lange. Von weitem hörten wir munteres Erzählen und vier Kanadier landeten in der nächsten Bucht. Sie waren kontaktfreudig und erkundigten sich nach unserem Woher und Wohin. Wieder erstauntes „three old ladies, where are your husbands?“. Sie kamen aus Ontario und wollten nur ein paar Tage auf den River. Es war sehr nett mit ihnen. Auf den Berg kamen wir nicht. Es hatte wohl in den Tagen zuvor viel geregnet, der Kleiboden war rutschig und bot keinen Halt.

Dafür gab es ein wunderbares Abendrot. Nach der Besichtigung eines alten Winterquartiers auf der vorgelagerten Insel Shepyard Island ging es weiter. Hier lagen in früheren Zeiten die Raddampfer im Dock und wurden überholt. Der letzte Raddampfer wurde wohl von der Zeit überrollt und blieb liegen. Nun verfällt er, ist aber immer noch ein imponierendes Beispiel des Schiffbaus.

Raureif_im_August_Seite_7_Bild_0002So langsam erfasst uns die Flussmorphologie. Die Sonne wärmte uns, ab und zu ein leichter Windhauch, abwechslungsreiche Ufer, am Horizont die schneebedeckten Gipfel der Rockies – jede von uns hing ihren Gedanken nach und ließ sich von der Strömung mitnehmen. Manchmal sahen wir in dem Flussführer von Dieter Reimund „Der Weg ist das Ziel“ nach, wo wir gerade sein könnten, aber wirklich wichtig war das Wissen darum nicht. Wir hatten Zeit und das Wetter war gut. Die paar Regenschauer zwischendurch waren nicht tragisch, aber das sonst klare Flusswasser blieb braun, seltsam.

Wir fanden weiterhin gute Zeltplätze auf den Kiesbänken, bauten aber schon manchmal zuerst unser Tarp zum Schutz gegen den aufkommenden Wind und den Regen auf und kochten unseren Tee auf dem zur Vorsicht mitgenommenen Gaskocher. Mit Sonne, baden und warmen Abenden am Lagerfeuer war es nichts. Irgendwie war da jemand gegen uns. Es störte uns nicht, dann spielten wir eben im Zelt Uno bis es dunkel wurde. Im Schlafsack war und blieb es warm und kuschelig und der Regen klopfte beruhigend aufs Zelt. Bären und Elche gab es keine. Sie hatten sich rar gemacht. Aufgrund der überschwemmten Ufer? Plötzlich merkten wir, wie schmal die Kiesbänke wurden, das Holz nass war und unsere Sachen leicht feucht blieben. Also ab in die Zivilisation.

Carmarks – eine „Stadt“ am Ufer, kurz vor den Rapids, wurde angesteuert. Dort wollten wir ohnehin nachbunkern. Es goss, als wir ankamen und wir träumten von einer warmen Hütte, einem weichen Bett und Steak mit Pommes. Immer nur Müsli, Porridge, Suppen und dehydriertes Gemüse lassen manchmal solche Gelüste aufkommen. Wir erfüllten uns den Traum! Kochten aber umgehend wieder selbst. Die gastronomischen Künste waren ernüchternd, die Betten dafür wunderbar. Eine heiße Dusche, Waschmaschine und Sonnenschein ließen uns wieder zur Hochform auflaufen. Wir erlebten so viel Situationskomik, dass wir aus dem Lachen nicht mehr herauskamen und so manche Unbill mühelos erduldeten.

Nachdem wir nachgebunkert hatten und ich mich mit wärmender Fleecedecke und –jacke eingedeckt hatte, ich war schließlich auf Sommer programmiert, hatte Bikini und nur einen alten Kaschmirpullover mit, den ich die letzten 14 Paddeltage auch nachts nicht mehr auszog ging es weiter. Nur weg aus der Zivilisation!

Jetzt lagen die „Five Finger Rapids“ vor uns. Hildegard hatte Schauergeschichten davon gelesen. Wir hatten sie als harmlos erlebt und wollten vorher noch einen Tag Pause bei der Five Cool Mine machen. Bergwandern, lesen, faulenzen. Da kam eine Gruppe Jugendlicher, die ebenfalls dort campen wollten. Eine schwierige Situation. Normalerweise fährt man weiter, wenn ein Platz belegt ist. Die Guide wusste darum, Hildegard und Elke waren auf dem Berg und ich hatte keine Meinung, den Abend mit 14 jungen Leuten, deren Lagerfeuerromantik und vielen Zelten zu verbringen. Andererseits waren es ungeübte Bootsfahrer, hatten noch den Jetlag weil sie erst einen Tag vorher angekommen waren, noch nie im Boot gesessen und nun bei diesem Hochwasser durch die Rapids – irgendwie unverantwortlich, sie weiter zu schicken. Dann mischte sich eine junge Frau ein und sagte zu ihrem Kollegen, dass der Platz wirklich nicht ausreiche und man den „old ladies“ soviel Unruhe nicht zumuten könne. Wir trafen sie nicht wieder, hörten von keinem Unglück und so sind sie wohl mit dem Glück des Unwissenden heil durch die schwierige Felsenge gekommen.

Wir nahmen sie am nächsten Tag mit Bravour. Die Strömung ließ uns keine Zeit zum Überlegen, Kehrwasser, um uns vom Ufer aus in Ruhe die Durchfahrt anzusehen, gab es nicht schon war es passiert – Querwellen von rechts und von links warfen das Boot hin und her und mit Paddelstütze wieder schnellem Paddeln hatte uns der Yukon heil durch eine der schwierigsten Stellen hindurch geschossen. Ein wunderbares Gefühl, danach im ruhigen Strom schnell dahin zu gleiten und sich von der Sonne trocknen zu lassen. Nun hatten wir uns unsere Mittagspause verdient. Außerdem wollten wir uns die Rapids von Land aus ansehen. So machten wir uns auf den Weg. Sechs Kilometer Straße bergauf. Ein mitleidiger Kanadier nahm uns in seinem Auto mit. Er wollte eigentlich Rast an unserem Anlegeplatz machen und fühlte sich durch uns etwas gestört, entschied sich dann aber für Gastfreundschaft, erzählte uns von seinem Job als Ingenieur bei einer Stromgesellschaft, die Elektrokabel in der Yukonregion verlegte. Das hatten wir bereits vom Wasser beobachtet. So kamen wir einem „Hiking“ zurück zu den Five-Fingers. Von oben sah es enttäuschend harmlos aus.

Regen und Hochwasser blieben uns auch weiterhin treu. Kiesbänke hoch überschwemmt, an den Ufern hatte das Wasser die bäume weggespült, nun lagen sie umgestürzt am Ufer, kaum Kehrwasser zum Anlanden oder Pausemachen. Große Baumstämme von den Biberburgen in er Strömung, jeder früher unscheinbare Creek war nun ein Fluss und brachte braunes Wasser aus den Bergen mit. Wir ließen uns in der Hauptströmung treiben, stützten in den Strudeln und passten auf, dass wir uns in dem Inselgewirr nicht aus den Augen verloren.

Elke und ich erkannten den Fluss nicht wieder, selbst die Berge an den Ufern waren uns fremd. Hildegard sagte, laut Führer sind wir hier und ich behauptete, aufgrund der gepaddelten Zeit sind wir da – wir paddelten mühelos 15 km in der Stunde. Unser beider Berechnungen nach erreichten wir dann doch das angedachte Ziel.

Regenbogen über dem YukonFort Selkirk. Eine ehemalige Station der Hudsonbay Company und heute ein Dorf der First Nation, ist der nächste Ruhetag. Der Regen hört langsam auf. Zumindest ist es trocken, als wir anlanden. Wir hatten gehofft, Maria anzutreffen. Sie ist eine der First Nations, die hier den Sommer verbringt und ankommende Kanuten empfängt. Aber alles ist still, aus dem Küchenshelter kommt Rauch, dort muss jemand sein – also hin. Wir treffen auf Ben, der sich dort häuslich niedergelassen hat und uns berichtet, dass alle vorzeitig in ihre Winterquartiere nach Pelly gegangen sein. Nun denn. Wir bedienten uns aus der Holzkiste mit trockenem Holzernteten dabei einen fragenden Blick von Ben, den wir uns zunächst nicht erklären können, bauen unsere Zelte auf und machen erst einmal tea-time. Ben kommt mit einer großen Axt und erklärt uns, das sei eigentlich sein Holz gewesen mit dem wir jetzt unseren Tee gekocht hätten; aber Holzhacken sei ohnehin nichts für Frauen und zerkleinerte Unmengen von Holz für uns aus dem nahen Holzlager. Er hatte ja Recht. Wir hätten das Holz nicht klein kriegen können, weil sich unsere Axt in den Spannten von Elkes Oberdeck verklemmt hatte und wohl erst beim Abbauen wieder zum Vorschein kommen wird.

Am nächsten Morgen ist eine unglaubliche Stimmung über dem Yukon – Nebel über dem Wasser, auf der anderen Seite graue Regenwolken, dazwischen ein blaues Stück Himmel mit Sonnenschein, und ein Regenbogen spannt sich hoch über den Fluss von einem Ufer zum anderen. Es ist so unwirklich grau rundherum, dass ich dabei kaum an Gottes Zusage „Solange die Erde besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, die mit diesem Zeichen verbunden ist, glauben kann.

Wir gönnen uns einen Ruhetag, streifen durch das Fort, klönen mit anderen Paddlern, Elke und Hildegard gehen mit Ben auf den Viktoriafelsen und ich lese. Als sie zurückkommen gießt es. Im Küchenshelter ist es warm und gemütlich. Vor dem Schlafengehen gibt es noch eine heiße Schokolade mit einem Schuss Wodka und der nächste Tag kann kommen.

Am anderen Morgen nutzen wir eine Regenpause zum Packen und lassen uns vom Weiterfahren nicht abhalten. Eigentlich müsste es ja nun einmal aufhören zu regnen. Unterwegs geht meine Steuerung kaputt, mir bleibt nichts anderes übrig als ohne weiterzufahren. Das geht wider Erwarten sehr gut. Das Boot ist wendig und ich freue mich über unverhoffte Bewegungsfreiheit.

Kirkmens Creek, km 580, so weit sind wir schon? Und einen ganzen Tag ohne Regen! Dafür wird es nachts kälter. Wir beziehen wieder eine Hütte, trocknen unsere Sachen, Linda Taylors Schwiegersohn repariert meine Steueranlage und ich kaufe mir eine handgestrickte Mütze – nicht schön, wärmt aber gut. Ich behalte sie Tag und Nacht auf. Fazit: 14 Tage kaum gewaschen, weil das Holz zu nass war um ausreichend warmes Wasser zu machen. Wir brauchten abgekochtes Wasser zum Trinken. Kaschmirpullover nicht ausgezogen wegen der Kälte und Nässe und nun diese umwerfend „schöne“ Mütze. Aber weder Haut noch Kopf juckten, und durch das ununterbrochene draußen leben atmete unser Körper nur das aus, was er täglich aufnahm: würzige, sauerstoffreiche Luft. Es war ein wunderbares Gefühl, mit sich und der Natur eins zu sein.

Der White River brachte statt seinen weißen Wassers (Segmente von der Asche eines Vulkanausbruches vor? Jahrhunderten, die sich in der Erde abgelagert hatte und nun vom Wasser wieder herausgespült wird) ebenfalls braunes, trübes Wasser mit. Sein Delta war gewaltig und flößte mir Angst ein. Rundherum eine Wasserwüste mit einer Strömung, die jetzt noch schneller wurde. Wir wollten am Stewart River zelten. Die Kiesbank davor ragte früher sehr hoch aus dem Wasser und wenn nicht, dann eben auf dem hohen Ufer der Insel, aber das Wasser führte uns über die Kiesbank an der Insel vorbei. Unglaublich, diese Strömung in der Wasserwüste. Wir fanden einen Zeltplatz an einer „Straße“ inmitten alter Autowracks. Es war ein Anlegeplatz für Minenarbeiter. Hier wurde noch hoch in den Bergen nach Gold geschürft, erzählte uns ein Miner, der am nächsten Morgen zum Wasser kam, um zu sehen, ob sein Boot noch da war oder durch das Hochwasser weg geschwommen wäre. Er lachte, als er unsere mit Raureif überzogenen Zelte sah.

Raureif im August – wir hatten es gar nicht als solchen registriert. Wir hatten uns nur gewundert, woher der Staub kam, bis Hildegard erschrocken rief „Das Wasser in meiner Waschschüssel ist gefroren und der Waschlappen ist ganz steif vom Frost!“ Erst da bemerkten wir die Bescherung. Dafür kam aber die Sonne über den Berg und blieb uns nicht nur heute, sondern die ganze nächste Zeit treu. Wir genossen die Wärme und bekamen wieder einen Blick für unsere wunderschöne Umgebung.

Die Bäume leuchteten in einem warmen Goldton – als ob das Gold aus der Erde sich über die Bäume ausbreitete, dazu der tiefblaue Himmel. Wir erlebten den Indian Summer in seiner ganzen Schönheit und die Nächte in einer Klarheit, wie man sie nur erleben kann, wenn kein anderes Licht die Dunkelheit stört. Am Ende unserer Fahrt wurden wir des Nachts mit dem Nordlicht in seiner unwirklichen Schönheit von weiß bis grün wabernd am Himmel belohnt.

Kathi freute sich uns wohlbehalten wieder zu sehen. Wir genossen das Badehaus bei Dieter, sagten „Nie wieder!“ und fragten dann, „Wann wollen wir wieder los?“ Es war eine wunderschöne Frauentour, die uns lachend zusammenschweißte, weil eine sich ohne viel Worte auf die andere verlassen konnte.

Carla, Hildegard und ElkeAllerdings muss ich meine Meinung dahingehend korrigieren, dass ich nicht mehr, wie nach den ersten beiden Touren sage „Den Yukon kann man unbedenklich paddeln. Er ist nicht schwierig.“ Ich hatte vergessen oder dazu gelernt, dass die Kraft der Natur sich jedes Mal anders zeigt und respektiert werden will.

Noch ein paar praktische Informationen:

  • Direktflug: Frankfurt – Whitehorse, Lufthansa/Condor
  • Busverbindung: Dawson City – Whitehorse
  • Hotel: River View (es gibt noch mehr in Flussnähe)
  • Taxi: Preis vorher aushandeln bzw. Uhr einschalten lassen
  • Geld: durch den guten Euro war der Kurs günstig, überall mit Visa zahlbar
  • Sportgepäck: Vorher anmelden, auch starre Boote werden mitgenommen, nur nicht mit dem Bus zurück.
  • Flussbeschreibung: Dieter Reimund, Outdoorheft: “Der Weg ist das Ziel“ Alle Informationen sind auch im Internet zu bekommen.