Hans Schoop - segeln aus dem Ammersee 1

Wie ist doch am Ammersee alles anders!


Von Dr. Hans Josef Schoop

Discernendo discimus – durch Unterscheiden lernen wir. Deshalb machen wir Urlaub – Segelurlaub am Ammersee.

Ein Rentner auf Urlaub? Ja eben, mal etwas anderes als Seggerling-Gleitjolle (dem „ra- senden Sofakissen für Senioren“) auf dem 1 mal 1 sm kleinen, höchstens 3 m tiefen, eis- zeitlichen Moorsee in 27624 Bad Bederkesa (N 53°37. 5 – E 8°51.0). Auf! – zu Sohn And- reas beim ESC nach Eching am über 1 mal 10 sm großen und bis 80 m tiefen Ammersee! Dort (N 48°03.8 – E 11°06.9) sind z. Zt. die Tage k ürzer (morgens ca. 20 min, abends ca. 40 min), dafür steht die Sonne mittags satte 5 Grad steiler!

Zwischen den bis gut 100 m höher ansteigenden Uferhängen des Alpenvorlands rundum haben Nord- und Süd-Winde freien Strömungsschlauch, die häufigeren westlichen Winde schleichen sich durch die Senken oder nutzen besagten Schlauch von Nord oder Süd. Da sind, besonders bei inlandschwachen Winden, Dreher vorprogrammiert.

Hans Schoop - segeln aus dem Ammersee 1Die freundlichen Gastgeber, in Person des Takelmeisters Hans M. und der Schriftführerin Anke H. mit Minivorschoter Paul und Grillmeister Erik, erlaubten, den von Andreas aufpolierten Finn-Classic GER 1117 auf dem Gelände liegen zu haben und fleißig zu nutzen. Fast täglich tummelten wir uns in der südlich-warmen Schafs-Kälte bei durchweg schwachen Winden auf dem See, gelegentlich beraten und begleitet von den Meier-Vereinskameraden Wolfram auf Finn-Dinghi GER 2313 und Horst auf O-Jolle GER 1418. Bei den ersten Schlägen nach Stegen blieb ich in den Windlöchern hängen. Berauschend schön war ein Halbwind-Törn nach Diessen (13,3 sm in 2:57:09, Spitzengeschwindigkeit 8,2 kn, erfasst mit GPS Garmin 72). Am dritten Tag waren Viereck-Kurse angesagt, bei denen Wolfram, Horst und Andreas vornweg fuhren. Galt es doch auf dem ungewohnten Finn für die Langschlagregatta „Um-die-Wurst“ am folgenden Samstag zu trainieren.

Die Luv-Gierigkeit des Finn, die ich ständig reklamierte, wurde als mangelndes Aufrechtsegeln diagnostiziert. Tatsächlich wuchs erst im Lauf meiner Segeltage der Mut, das Boot gehörig auszureiten. War der Finn doch bei seinem Gewicht von über 120 kg doppelt so schwer wie mein Seggerling, als Rund- gegenüber dem Knickspanter auch gleichförmig weniger rank. Ich musste mir die Risiken vorhalten lassen, bei Krängung das Segel beliebig auf zu machen. Bei dem 2 m kurzen und über der Plicht 1 m hohen Seggerling-Baum geht das spielend leicht. Finn und O-Jolle sind da nicht so seniorengerecht und fordern einerseits das penible Ausreiten, andererseits das mühsame Unter-dem-Baum-Durchtauchen bei den Manövern.

So startete ich am Samstag, dem 14. Juni 2008, nicht ohne Herzklopfen bei Winden kleiner als 1 Bft. nahe der Startlinien-Gegenmarke, einem Tonnenverlegeboot mit zwei Mann Besatzung. Nach dem durch riesige Kielschwerter ausgelösten Massenfrühstart kam es auch bei dem gültigen Start zu zwei Rückrufen, ich hörte nur was von 16 und 54. Da das nicht meine Segelnummern waren hängte ich mich auf Backbordbug in Lee des großen Feldes an so einen langkieligen Riesen mit Kurs auf Tonne L an, orientiert am spitzen Kirchturm von Schondorf. Erst spät wendete ich und bekam einen glücklichen Dreher aus SW und schaffte es, innen liegend vor der Pelikan und vor allen Finns mich auf den Kurs Richtung Süd, Tonne 1 vor Riederau, zu schmuggeln, seemittig, sah dann aber, wie die hightech Finns von Wolfram und Andreas (YS 110 gegenüber YS 112 der Finn-Classic) Ufer-näher munter an mir vorbeizogen.

Dann kam eine schreckliche Zeit. Unter einer dunklen Wolke drehte der Wind auf Nord und brieste auf gute 3 Bft. auf. Dafür nicht ausreichend trainiert, schwitzte ich Blut und Wasser, weil ich am Windrichtungszeiger den Wind ständig aus der Richtung des geöffneten Segels kommen sah. Bei welchem Winkel würde der Baum schlagartig shiften und mich dekapitieren? Also versuchte ich leicht anzuluven, kam weiter in Seemitte, um dann wieder und wieder halsen zu müssen – erstmals auf der Finn bei 3 Bft. Halsen ! –. Dabei querte ich, kurz vor der Leetonne 1 Riederau auf Backbordbug das Feld und rief den Kameraden hinter ihren Riesenspinnakers zu: „Ihr seht mich doch hoffentlich!“.

Der Schlag zur Tonne 2 am Nordrand der Herrschinger Bucht war keinesfalls ein Anlieger. Es ging gegen Welle und Wind! Eine „Große“ blieb in Lee von Tonne 1 liegen, um ihr Spi zu bergen. Auf halber Strecke lag ohne Segel, wie ich beim Anruf hörte, mit gebrochenem Ruder, ein Vollholz-Jollenkreuzer, Sieger der Vorjahre. Es bedurfte nicht meines Versprechens, die Wasserwacht zu holen, sie kam bald schon aus Richtung Tonne 2 angedüst.

Ammersee_2008_Seite_2_Bild_0001Auf der Kreuz trifft man sich immer wieder, mit der O-Jolle von Horst (YS 114) und dem späteren Einhand-Sieger Götz M. auf der Chiemseeplätte (YS 125!). Nach dem Runden der Tonne 2 nahm der Wind ab, aber die Welle blieb noch eine Weile. Ich versuchte ihr durch einen Schlag unter das Ostufer zu entgehen. Das muss ein Riesenfehler gewesen sein. Ich verlor die Kreuz-Kombattanten aus dem Auge und damit – völlig desorientiert auf dem großen Wasser, das Ziel. Hätte ich doch mein GPS an Bord gehabt, aber das ist wohl auch hier bei Jollen nicht zulässig. Irgendwo, wahrscheinlich vor Utting, sah ich ein Zielschiff mit Gegenmarke und eine Menge Schiffe. „Ist das unsere Ziellinie“, rief ich? Die haben nur groß geguckt und auf die fremd klingende Frage nicht geantwortet. Die Schiffe, die sich dort abmühten, hatten hochgebogene Hecks und Steven, wie ich später hörte, waren es Drachenboote, eine Bootsart, die wir hierzulande mit Paddeln bewegen.

Der Wind, kaum mehr verdiente er, so genannt zu werden, ließ weiter nach. Ich war so fixiert, unsere Ziellinie am Ostufer zu suchen, dass ich immer wieder auf die Wasser-Liegeplätze vor Breitbrunn und Buch zusteuerte. Verzweifelt rief ich eine „Große“ an: „Wo ist denn unser Ziel?“ Die Antwort „Geradeaus“. Was denn, von denen oder von mir aus gesehen, da ich gerade wieder nach SO auf dem Weg war. Dann hörte ich einen Schuss! Die Regatta schon abgeblasen? Ich hatte mir mit dem fremden Boot auf dem fremden See so viel Mühe gegeben und nun DNF? Trotzig kurvte ich weiter auf das bereits sichtbare Nordufer zu, suchte immer wieder im Osten und Süden (!) nach der Ziellinie.

Da -, im Nord-Westen auf Eching zu, ein kleines Geschwader unterschiedlicher Boote und kurze Hupsignale! Der Zieleinlauf meiner Gegner. Auf! Hochkreuzen nach Westen, dann noch ein Schlag nach Norden. Ein Hupsignal, jemand rief laut zu Protokoll: „Vierzig“. Der 40. Einlauf? 40 min nach dem Ersten? 15 Uhr 40? Alles egal! Angekommen nach vier- stündigem Segeln, zurück zum Hafen, wo „alle andern“ ihr Boote schon angelandet hatten.

„Wärst du doch mit uns weitergesegelt!“ mahnte O-Joller Horst M. später. Götz M. sprach seinen Respekt aus, – wofür, für den 36. Platz unter 64 Startern, den 7. unter 11 Einhändern – für die weißen Haaren oder für die weite Anreise? Auf den Platz kam es gar nicht an. Jeder durfte sich mit der herzlichen Gratulation des 1. Vorsitzenden Rolf K. und des Sportwarts Uli G. eine französische Trockenwurst von der Leine schneiden. Der aus 800 km angereiste Senior bekam noch eine Extra-Wurst! Die mitgereiste Elisabeth hatte schließlich drei dieser Trophäen, die dritte von Sohn Andreas, im Schoß. Ein wunderbarer Ausklang, mit Grill und Alster (man sagt dort „Radler“) und interessanten Nachgesprächen über die eigenen Schicksale auf dem langen Törn, das Verhalten der Boote, die Tricks der O-Joller auf dem Vorwindkurs, über die Sorgen ortsansässiger Kollegen um ihre wirtschaftliche Existenz und über die kleinen Freuden, die – menschlich verständlich – daraus erwachsen, wenn diesmal ein älteres Boot (Finn 2143) eine jüngere (Finn 2313) hinter sich lassen konnte.

An den beiden folgenden windstillen und eher „soften“ (der irische Euphemismus für „reg- nerischen“) Tagen erkundeten wir die Gegend zu Lande. Erst am letzten, dem Mittwoch, gingen wir – wieder bei schwachen Winden – aufs Wasser. Doch reichte es zu einem Törn nach Utting und zurück, wo die in http://www.finnwelle.de/ eingestellten Photos entstanden. Dann gab es noch eine olympische Dreiecks-Konkurrenz zwischen Finn 1117 und 2143. Das Ergebnis wird unter vorgenannter Adresse von Andreas so kommentiert: „Bei unseren gemeinsamen Schlägen in dieser Woche hatte ich meist den Eindruck, dass ich den Vor- teil des leichten Riggs vom “High-Tech-Finn” insbesondere auf Halb- und Vorwindkursen nicht ausspielen konnte, hatten wir doch häufig leichte Winde von 0-2 Bft. und selten 3 Bft. oder mehr Windstärken. Nur taktische Maßnahmen ermöglichten hier und da einen Vorteil gegenüber dem Classic-Finn heraus zu fahren.“

Es dankt allen Verantwortlichen und den Segelkameraden im und um den Echinger Segel- Club herzlichst Hans Schoop, Bremerhaven, 27. Juni 2008.Hans Schoop - segeln aus dem Ammersee 3